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Buchmesse-Nachlese: Wiederbelebung der deutsch, tschechisch, jüdischen Tradition – Milena Odas „Nennen Sie mich Diener“

Matthias Weidemann
 
Es gab sie einst, die Zeit der deutschsprachigen Literatur in Prag. Eine Epoche, in der es selbstverständlich schien, dass deutsche, tschechische und jüdische Kultur schreibend zueinander fanden. Die deutsch schreibende tschechische Autorin Milena Oda haucht dieser Tradition neues Leben ein.
Und wie ihre Vorfahren, wandelt auch Milena Oda mit ihrem Roman „Nennen Sie mich Diener“ auf den Pfaden des Grotesken, schreitet an literarischen Abgründen entlang, beschäftigt sich mit abnormer Not und komischer Lust.

Auf den ersten Blick wirkt sie ein wenig schüchtern, wie sie da mit blondem Kurzhaarschnitt scheinbar harmlos durch ihre lehrerhafte Hornbrille schaut. Doch hinter diesem scheinbar unscheinbaren Wesen, das da am Buchmessestand des Dresdner Verlags Schumachergebler charmant lächelt, verbirgt sich ein scharfer Geist, bewaffnet mit groteskem, abgründigem Humor, wie er vielen tschechischen Autoren zueigen ist.

Bester Beweis ist ihr neues Buch „Nennen Sie mich Diener“. Darin schlüpft sie in die Rolle zweier Männer, wie sie gegensätzlicher nicht sein könnten und die dennoch auf unheimliche Weise miteinander verbunden sind. Milena Oda: „Es sind zwei gestörte Männer, die besessen sind von den Regeln, die sie selbst aufgestellt haben und von dem System, das jeder für das einzig wahre hält.“
Da ist zum einen Leonard, der gar nicht so genannt werden will, weil er sich aufgrund seiner servilen Natur zum Diener berufen fühlt. Folglich will er auch so heißen: Diener, und sonst nichts. Weil ihn Freiheit nur irritiert: „Ich will mich der Last dieses freien Selbst entledigen. Das Freiheitsbewusstsein ist für mich unerträglich. Ich gerate in Panik, wenn ich nicht weiß, was ich tun soll. Ich will nur dienen. Meine Anpassungsfähigkeit ist äußerst bemerkenswert.“

Natürlich fällt uns auf, dass Milena Oda hier gar keinen so ungewöhnlichen Menschen beschreibt. Erinnert uns alles irgendwie an den obrigkeitshörigen Untertanen einstiger Monarchien oder an die schlichte Beamtenseele. „Melde gehorsamst, das Ja!“ möchte man da mit dem braven Soldaten Schwejk am liebsten ausrufen.

Der Gegenspieler von „Diener“ ist Professor König, ein zahlengläubiger Despot und Arithmetikfetischist, der manipuliert und die Fäden im Hintergrund zieht. Als er „Diener“ in seine Dienste nimmt, glaubt er natürlich, das perfekte Wesen für seine Machenschaften gefunden zu haben. Doch lässt die durchtriebene Autorin beide Protagonisten an ihren eigenen Ansprüchen scheitern.

Das ist perfide erzählt, deutsch mit einem deutlich tschechischen Akzent. Ein modernes Märchen, eine Parabel mit Fallstricken und unsichtbaren Türen, hinter denen groteske Figuren lauern, die uns bis zu einem höchst skurrilen Ende mit einer überraschenden Wendung begleiten.

Wie Milena Oda, die neben Prosa auch Lyrik, Essays und Theaterstücke auf Deutsch, Tschechisch und Englisch verfasst, auf solche Geschichten kommt, kann sie charmant und unschuldig lächelnd nicht wirklich beantworten: „Mir fällt das eben einfach ein und dann muss ich drauf los schreiben.“ Aber wie anders als unschuldig soll man schon lächeln, wenn man aus einer Region stammt, die auf Deutsch in etwa so viel heißt wie „Böhmisches Paradies“.

 

http://www.l-iz.de/Kultur/Lesungen/2011/03/Milena-Oda-Nennen-Sie-mich-Diener.html#

 

 

 

 

 

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