SCHRITT UND TRITT

 

Jean Paul macht in meiner Wohnung immer mehr Schritte als ich. Er hat kürzere Beine als ich, etwa zehn Zentimeter kürzer. Ich beobachte ihn und zähle seine Schritte, die er in meiner Wohnung macht. Immer denke ich, er kann weniger Schritte machen, als er macht, aber seine Schritte richten sich nach keinem System, nach keinem Schrittsystem wie meine.     Kann ich einem vierzigjährigen Mann erklären, wie er gehen soll?     Mein innerster Wunsch ist, ihm mein Schrittsystem beizubringen. Das Zimmer (die Bibliothek), wo Jean Paul arbeitet - Jean ist mein Sekretär - ist 17qm groß. Meine Wohnung (mein Arbeitsatelier) ist 45 qm groß. Ich will keine großen Zimmer bewohnen, ich habe Angst vor großen Zimmern, wo man viele Schritte machen muss. Heute 298 Schritte am Tag. Ich mache noch zwei, damit ich eine schöne runde Zahl an Schritte erreiche. Nun, 300 Schritte am Tag, wie ausreichend und erschöpfend! Manchmal gehe ich wirklich zu viel, denke ich. Aber nicht so viel wie Jean! Ich weiß: Jean hat kürzere Beine. Mein Schritt ist 80 cm lang, genau 80 cm, dagegen ist jeder seiner Schritte ungenau und unmessbar. Sein Schritt ist zehn bis zwanzig Zentimeter kürzer als meiner (das ist gerade die Ungenauigkeit, die ich bei Jean Paul zu leiden habe... wie schmerzlich!). Also er macht in meiner Wohnung 34%-45% mehr Schritte als ich, d.h. er macht 145 bis157 Schritte mehr als ich auf denselben Strecken in meiner Wohnung. Immer, wenn ich ihn sehe, wie er geht, denke ich, auch mit kürzeren Beinen könnte er doch weniger Schritte machen! Schöne, lange - diagonale Schritte sind die Basis meines Schrittsystems, der Schritttechnik und man kann dabei auch eine legere halbkreisförmige Arm- und Körperbewegung ausführen. Ich fordere von ihm aber auch keine raumgreifende Bewegung beim Gehen, sondern eine ruhige und effektive. Die Effektivität ist die Haupformel meines Schrittsystems.

 Wenn Jean von meinem Arbeitszimmer in sein Arbeitszimmer (und meine Bibliothek) geht, wohin er oft geht, könnte er nur 25 Schritte und nicht 32 machen! Und von meinem Tisch in mein Arbeitszimmer in die Küche macht er 25 Schritte! Dagegen ich nur 17! Und von seinem Arbeitszimmer ins Badezimmer geht er 16 Schritte und ich nur 12! Ich spare also 8 Schritte! Und wenn er von meinem Arbeitstisch in die Küche geht, macht er 27 Schritte und ich 21. Wieder spare ich 12 Schritte. Zu seinem Glück geht er nicht so oft von meinem Tisch in die Küche wie ich, obwohl er dorthin auch ziemlich oft geht. Dagegen geht er am häufigsten von seinem Arbeitstisch in meiner Bibliothek zur Toilette, wo er bei jeder Strecke hin und zurück 16 Schritte sparen könnte. Natürlich sage ich es ihm nicht, er regt sich gleich auf. Ich will nicht daran denken, wie viele unnötige Schritte er im Leben schon gemacht hat! Wie schmerzlich ist diese meine Beobachtung! Ich habe es genau ausgerechnet: Wenn Jean Paul 12 mal von seinem Tisch auf die Toilette geht, kann er insgesamt 192 Schritte am Tag sparen. Jean Paul ist jedoch kein sparsamer Mensch. Alle möglichen und realen Schritte, alle Entfernungen, die ich und er gehen müssen, habe ich proportional und logisch ausgerechnet und bin zu erschreckenden Unterschieden zwischen unseren Schritten gekommen. Vielleicht fällt es ihm mal von allein auf, auch nach zehn Jahren, wenn er mich sieht (er weiß das doch), wie wenig Schritte ich mache, dass er auch seine eigenen Schritte sparen könnte. Darauf muss ich tagtäglich hoffen. Ja, ich hoffe. Perspektivisch – in die Zukunft blickend sollte er aus rationalen Gründen auf die langen, effektiven Schritte hinarbeiten, er tut es aber nicht.

„Das Schrittsystem hat den Vorteil, dass es ein dynamisch selbstregulierendes System ist, so dass jeder Mensch seine Schritte formieren und selbst regulieren kann! Die Verhaltensweisen innerhalb dieses (meines) Schrittsystems, also die Übergänge von einem Zustand in einen anderen, werden im Prinzip mathematisch und physikalisch nach der Schrittmethode und -technik erfasst und dargestellt“, habe ich Jean erklärt. Zu diesen praktischen Überlegungen ist Jean Paul aber nicht genug ausgebildet. Wie schade, bedauere ich oft. Rationales Denken ist dabei notwendig, Jean!, betone ich oft. Vielleicht drücke ich mich undeutlich aus, er weiß vielleicht nicht, was ich mit »rationalem Denken« meine. (...)   

(ein Ausschnitt)

Der ganze Text ist in Ostragehege Nr. 44/06 erschienen. www.ostra-gehege.de

 

 

 

 

 

TOPlist