ICH HEISSE DIENER
Ich heiße Diener.
Nennt mich Diener, nicht anders. Ja, ich weiß, ich könnte Hilfskraft, Aushilfe, Helfer oder Bediensteter heißen. Aber kein Wort passt zu meinem zum Dienst bereiten Charakter wie Diener. Nur unter dem Schleier des Dieners kann ich mir (zumindest) vertrauen. Meine Dienerhaftigkeit ist die gestempelte Trivialität. Ich bin von Gefühlen der Minderwertigkeit und individueller Bedeutungslosigkeit durchdrungen. Der Bedeutungslose sei auch wichtig, sagte mir die Mutter. Mein innigster Wunsch ist es, jemandem zu dienen. Die dienerische Unfreiheit fesselt mich durch den Reiz der Selbstbeschränkung und Untertänigkeit. Die Freiheit meines Ichs und das Wissen, du musst über dich entscheiden, was du tun wirst, ist mir zu lästig. Das Freiheitsbewusstsein ist für mich unerträglich. Ich gerate in Panik, weil ich nicht weiß, was ich tun soll, denn ich will nur dienen. Ich will mich der Last dieses freien Selbst entledigen.
Meine Anpassungsfähigkeit ist äußerst bemerkenswert.
Ich rufe Diener und ich meine mich selbst. Ich bin ein anhängliches Dienerwesen. Ich diene mit Hingabe, Bestreben und Eigennützigkeit. Es ist die einzige Liebe, die ich in meinem einsamen Herz trage. Emotionslose Kreatur? Ich wecke Emotionen, für meinen Herrn. Ich habe keine Frau, weil ich nie den Wunsch hatte, eine Frau zu besitzen. Ich liebe meinen Herrn, dem ich diene. Ich diene nämlich mir selbst, weil ich bis jetzt keinen Herrn gefunden habe. Ich bin mir mein ergebenster Diener flüstere ich ihm ins Ohr. Ihnen in Treue zugetan, versichere ich meinen Herrn in meiner Hingabe. Ich spreche zu mir selbst, meine Gesellschaft ist die beste.
Einem Herrn zu dienen, ist doch mein höchster Wunsch. Ich diene jeden Tag. Ich diene in der Livree. Meine Livree, das bin ich. Die Livree will oder muss ich immer tragen, nach Regel 1, auch im Schlaf. Ich will keine andere Kleidung tragen als meine Livree. Die zivile, normale Kleidung vereinsamt mich. Das Gefühl ist unerträglich. Ich bin wütend und zugleich sehr ängstlich. Ich will nur auf die Welt der Diener bezogen werden. So vermeide ich die Einsamkeit. Durch meine Livree vermeide ich die Einsamkeit, denn ich gehöre zu der Gemeinschaft der Diener (obwohl sie mich nie aufgenommen haben). (...)
