Aus dem Tagebuch eines Kakteenjägers  

15. März

 An die Stelle ihres Bettes kommt endlich der Acanthocalycium violaceum. Ich war lange ratlos, wo ich den Acanthocalycium hinstelle, ich habe kein Gewächshaus wie die anderen Kakteenjäger. Aber jetzt habe ich wieder genug Raum für meine Gewächse. Sukkulenten müssen auch ihr Domizil haben, wie Menschen.

            Um die Sammlung zu erweitern, benötigte ich immer mehr Raum.

            Ich konnte auch nicht den Rauhocereus riosaniensis abschaffen, nur weil er so lange (giftige) Stacheln hat. Sie beschwerte sich immer hysterisch, wenn sie an den langen Stacheln vorbei ging, aber gerade wegen der extrem langen Stacheln hatte ich mir den Rauhocereus besorgt.

            Wie komme ich mit meiner Berühmtheit klar, wenn ich der größte Sammler im Land bin? Überflüssige Frage! Natürlich will ich der größte und berühmteste Kakteensammler werden ... Es gibt in meinem Dasein nur einen Wunsch, eine Liebe und eine Poesie. Mein Ruhm, meine Kakteen und Sukkulenten. Und sie wollte meinen Ruhm verhindern! Endlich bin ich allein mit allem, was ich mein nenne. 16. März Heute habe ich ihren Toilettentisch, „den echten kaukasischen Nussbaum“, wie sie immer dumm und stolz sagte, und ihre Schränke weggeworfen. Anstelle ihres Toilettentisches habe ich endlich die neue Gattung platziert, die ich mir so lange gewünscht habe – den Myrtillocactus geometrizans, und anstelle ihrer Kleiderschränke den Lobivia chrysantha. Die Sukkulenten verbreiten sich schnell in (jetzt nur noch) meiner Wohnung. Endlich habe ich genug Raum für meine Liebewesen. Ich bin ja ein passionierter Kakteensammler!

                        Oft sitze ich bewegungslos und betrachte die faszinierenden Erscheinungen der Natur. Ich betrachte das klare Grün der Blätter, das feste Dunkel der Kakteensäule, die Kraft ihrer Stacheln, das Milde und wundervoll Frische der Blüten. Die Blütenfülle macht mich glücklich und raubt mir beinahe den Verstand. Gesundes Wachstum, prächtige Körperfarben und ein reicher Blütenflor sind der Dank für meine Pflege.

            Als Kakteensammler konnte ich nicht mit einer Frau zusammenleben, die alles Protzige, Überflüssige und Verschnörkelte liebt. Was liegt mir an einer Person, die nicht bereit ist, mir zumindest einige ihrer Wünsche zu opfern?  

            In unserem Wohnzimmer blähte sich ein geradezu beängstigend geschweiftes Mammut-Büffet, das Schlafzimmer wurde blockiert von einer raumfressenden Frisiertoilette samt den obligaten drei Spiegelscheiben und einem viertürigen Kleiderschrank. Einmal, als sie nach Hause kam, war alles Überflüssige weg, weil ich keinen Platz mehr für meine Lieblinge hatte. Ich baute überall Regalwände auf und stellte alle Sukkulenten der Gattung Cereus hinein. Wie sie schrie und heulte! Sie hatte kein Verständnis für meine Leidenschaft.

 18.03.

Das Schlafzimmer teile ich jetzt mit den Warzenkakteen Mamilaria. Sie sind hübsch und erfreuen mich täglich aufs Neue ... Ich bin Kakteenliebhaber, ihr Liebhaber ... Ich liebe sie mehr als alles andere und als jeden anderen. (...)

 

(ein Auszug)

© 

erschienen im Jahre 2004 in www.lose-blaetter.de

 

 

 

 

 

 

 

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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