Neinsager
An alle Nummern habe ich mich gewöhnt. Der wertlose Mensch wird zu Ziffern gemacht. Innere Selbstgespräche, die niemand hören sollte. Kein einziges überflüssiges Wort sagte ich laut. In meinem Innern, sagte ich mir: du heißt Heribert Feierstein. Du heißt Heribert Feierstein. Ich kenne meinen Namen, jeder hat einen Namen, aber auch eine Nummer. 17 Jahre lang hörte ich Nummern, unter denen sie MICH gemeint haben. 122, 17, 35, 90, 6, 78, 12/67, 23.
Es war für mich eine Ehre, wieder meinen Namen zu hören. Ihn laut und deutlich zu hören. Herr Feierstein, sind Sie Heribert Feierstein? Ich bin sowohl ein Herr als auch Heribert Feierstein. Eine nette menschliche Stimme sagte „Heribert Feierstein“. Die nette Stimme sagte leider auch: „kommen Sie.“ Bitte, sagen Sie es nicht mehr, liebe Frau. 17 Jahre – Kommen Sie, gehen Sie, bleiben Sie. Kommen Sie! Nummer 23! Bleiben Sie! Nummer 12/67! Gehen Sie! Nummer 6! Kommen Sie, bleiben Sie. Ich höre es laut genug. Heute. Ich will nirgendwo gehen, kommen und bleiben. Ich will es von niemandem hören. Sinneserschütterung aufgrund der Ideologie. Jeder Widerstand musste ausgeschaltet werden. Mit einem einzigen Ziel: die Selbstvernichtung.
Ich glaube doch niemandem, der meinen Namen ausspricht, dass er wirklich meinen Namen sagen will. Der Mensch zu sein heißt: sich minderwertig fühlen.
Es ist besser, meine Figur, meine tragische Figur zu beschreiben oder alle meine Nummern zu sagen als meinen Namen zu nennen. Lange wollte ich meinen Namen nicht einmal vor jemandem aussprechen oder etwas mit meinem Namen unterschreiben, es war schmerzlich und demütigend. Die Nummer ist ein wirklicher Adressat für mich geblieben. Die Ziffer ist das Zentrum, ohne den eigenen Namen, das sich selbst präsente Bewusstsein. Und was haben Sie gemacht, Nummer 23? Fragen Sie mich... wieder? Die Antwortfähigkeit habe ich nicht mehr. Diese vernichtende Pathologie der wahrhaftigen Antworten. Ich will auf nichts antworten. Ich habe schon viele Fragen beantwortet.
Ich habe an dem Prozess der Verkümmerung teilgenommen. Geistig bin ich woanders als vor 27 Jahren.
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erschienen in: Top 22. Anthologie. Edition Aramo 2005. Krems/Donau www.aramo.at
