Ferenc
________________________________________________________________________________
Ferenc, der Schuhmacher, macht aus der Not eine Tugend. Mit seiner Familie, allesamt Schumacher, muss er dieses berufliche Schicksal unwillig teilen. Die Eltern nutzen ihn in böser Absicht aus. Den Schmerz, den ihm seine Eltern verursachen, kann er ihnen nicht verzeihen. Doch seine Rache hat auch eine Strafe für ihn zur Folge: Ferenc wird irrsinnig. Er wählt die Selbstliebe und die fanatische Liebe zu Schuhen.
Leseprobe aus Ferenc:
"Ich lebe in einer einsamen, aber doch sehr geselligen Welt, in der mein Name unwichtig, unbedeutend ist. Ich lebe in einer stummen, aber sehr empfindsamen Gesellschaft, in der Gesellschaft der Schuhe. Ich bin für immer eine Figur, eine Schusterfigur namens Ferenc. Ich wuchs in einer Schusterfamilie auf. Vom Mutterleib an lag Wohl und Wehe des ahnungslosen Kindes (also meins) in den Händen meiner Eltern. Da meine Eltern, meine Großeltern und meine Urgroßeltern den Beruf der Schuster ausübten (ihr ganzes Herz gehörte immer diesem Beruf), war mein Schicksal dadurch (durch den Samen meines Vaters) besiegelt. Ich war die Saat für die spätere Ernte. Da in unserem Haus alles der Schuhreparaturwerkstatt untergeordnet war, fand man dort nur Schuhe. Schon dem Kleinkind, also mir, standen statt Spielzeug, statt eines Schaukelpferds, statt Puppen oder Autos die alten und abgenutzten Schuhe zur Verfügung. Ich beleckte die Pfennigabsätze ahnungslos und liebevoll mit meiner Kinderzunge, ohne Unterschied dienten mir die Absätze als Schnuller, die alten Gummischuhe kaute ich anstatt Gummitierchen, und die Schnürsenkel, Maßbänder und Innensohlen waren meine Spielsachen. Schon als Kind achtete ich nur auf Schuhe und nahm mit verfeinertem Sinn die Unterschiede zwischen ihnen wahr: Ich unterschied Sandalen mit Riemen von Pantoffeln, Turnschuhe von Fußballschuhen oder Gummistiefel von Cowboystiefeln; die winterlichen mit Plüsch oder Baumwolle waren angenehm weich für meine Kindervorstellungen in meinen Kinderhändchen. Der modrige Gestank und der Geschmack alter, übelriechender Schuhe, die mein Kindermund damals wie Kaugummi kaute, rufen naturgemäß noch heute die Erinnerung meines Geschmacks- und Riechorgans wach. Das war mein erster Reiz. Auch die ersten Worte betrafen die Namen meiner liebsten Schuhe; das allererste Wort war »Schuh«. Daran erkannte die Umgebung gleich meinen Spürsinn für Schuhe. Alle freuten sich über dieses erste, einfache in meinem Gehirn gespeicherte Wort. Meine Wortwahl entsprach der Wortwahl und den Kenntnissen meiner Umgebung; und meine Umgebung war, wie ich schon sagte, die Schusterumgebung. Alle bemerkten zufrieden, dass ich mal der allerbeste Schuster sein müsse.
Schon von Geburt an war ich kein kerngesundes Kind. Es ist nicht unnötig, wenn man die alte Wahrheit abstaubt und wiederholt: ein gesunder Geist in einem gesunden Körper. Bei mir galt das Gegenteil in jeglicher Hinsicht. Ich war ein zartes Pflänzchen, krank wie ein Fisch im trüben Wasser, wachsbleich im Gesicht, keine Wangen wie Pfannkuchen, keine Lippen wie Himbeeren – ich war dürr wie ein Stecken. Mein Vater hatte keinen Engel gezeugt. Meine Mutter, die zwar meine biologische Mutter war, konnte ich nie Mutter nennen. Sie erzog mich kaltherzig und behandelte mich noch kaltherziger – mit den Schuhen ging sie besser um als mit mir –, sodass ich zur chronisch-akuten Krankheit der Gefühl- und Lieblosigkeit und der Verachtung verurteilt war. Meine Mutter hatte keinen eigenen Charakter. Sie leckte meinem Vater die Stiefel und verschwieg ihren eigenen Charakter. Ich verachtete sie, da ich ihre Schwäche bald intuitiv erkannte. Das Verhältnis meines Vaters, ihres Mannes, zu mir war noch entsetzlicher. Er schlug mich unbarmherzig krumm und lahm, wie einen Hund mit einem Stock. Nach dem bestialischen herzlosen Schlagen des noch bestialischeren Vaters lag ich immer verwundet und regungslos im Bett, mit grimmiger Erleichterung hatte er mich, den verprügelten Hund, allein gelassen. Danach kam er jedoch wieder zurück – immer. Diesmal kam er zu mir als gutherziger und liebender Vater, plötzlich in tausend Ängsten um mich schwebend, ob ich atme: »Ferenc, lebst du? Mein Sohn!«, schüttelte er panisch meinen fast leblosen Körper. »Ferenc, Ferenc, sag ein Wort!« Ich gab nicht auf. – Der Hund verreckte nicht, ich blieb am Leben und atmete tapfer weiter. Immer bekam ich die komische Angst vor dem Tod und vor der unverwirklichten Abrechnung. Der Vater streichelte mich und sagte dabei: »Ferenc, gut, dass du lebst, wer würde unsere Schusterei übernehmen!« Das war seine und ihre Liebenswürdigkeit, die sich in meinem Inneren in Hass umwandelte. (Damals nannte ich es natürlich nicht Hass, es war eine verlegene Liebe und Angst. Heute bezeichne ich die Dinge und die Zustände beim rechten Namen.)"
(.....)

Umschlagbilder vom Maler Lubomir Typlt www.typlt.com
___________________________________________________________________________________________
Prosaband von Milena Oda - HIER BESTELLEN:
Prosa: "Ferenc. Die Liebeserklärung an die Schuhe". Verzone: Prag, 2011. (bilingual - deutsch/tschechisch)
// www.amazon.com // www.verzone.cz // www.booklooker.de //
Preis: € 8,00 (+ € 3,00 Versandkosten)
Verlag Verzone, Prag
verzone@verzone.cz
Tel. +420 733 717 394




