Nennen Sie mich Diener
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Der Roman in drei Teilen.
Zwei gestörte Männer, besessen von ihren Regeln und Systemen: Leonard hält sich für einen gehorsamen Diener und dient sich selbst nach seinen eigenen Diener regeln. Professor König erkundet die Welt durch Arithmetik, entwickelt ein Schrittsystem und sammelt Zahlen. Er engagiert den Diener und glaubt, er könne ihn manipulieren. Der Diener hofft, er könne endlich einem Herrn dienen. Beide scheitern jedoch an ihren
Ansprüchen.
Milena Oda entwirft in ihrem Roman ungewöhnliche Figuren, erzählt aus der männlichen Perspektive und kreiert somit ein defektes Märchen mit einer höchst skurrilen Wendung.
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Trailer zum Roman "Nennen Sie mich Diener" von Milena Oda:
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Leseprobe aus dem 1. Teil Ich heiße Diener:
Ich heiße Diener.
Nennen Sie mich Diener, bitte ich ergebenst, ich bin und heiße Diener. Ein Mensch muss keinen Vor- und Nachnamen haben. Ich heiße Diener. »Wie ist Ihr Vorname, Nachname?« fragen sie mich begriffsstutzig, so drehe ich mich um und will es mir nicht anhören. Die Herrschaften wollen es nicht kapieren? Wie sonst sollen die Diener ihre Dienerexistenz demonstrieren? Sie wundern sich, drehen den Kopf, schauen mich an und wollen es nicht verstehen. »Ich kann Ihnen, mein Herr, mit keiner Antwort behilflich sein.« Sie fragen mich noch mal, um den Diener zu verunsichern: »Ihr Name ist Dieter Diener?« Nein, ich heiße Diener. Auf Fragen wie »Warum nennen Sie sich Diener?« habe ich keine Erklärung. Es kränkt mich, Worte wie »bedauernsvoll« oder »bemitleidenswert« zu hören und auf meine Berufung immer zu deuten. Sie sehen nicht den Diener? Sie nehmen meine prächtige Livree nicht wahr? Ich habe meine Livree immer an, außer während meiner Morgen- und Abendhygiene, so hat keiner einen Grund, mich (noch) Leonard zu nennen. Ich er bitte mir immer eine große Atempause, wenn ich den Namen »Leonard« hören oder aussprechen muss. Leonard bin ich nicht, ich will allerdings für niemanden Leonard mehr sein, nicht einmal für die Mutter. Schon gar nicht, wenn ich vor jemandem in meiner Livree stehe.
Diener ist weder ein Vorname noch ein Nachname, ich könnte Lakai, Butler oder Rechte Hand heißen. Ich könnte auch Hilfskraft, Gehilfe, Hausangestellter oder Bediensteter heißen, aber kein Wort passt zu meinem zum Dienen bereiten Charakter wie Diener. Ich war immer die leise Hintergrundmusik zur lauten Hauptmelodie: als Kastanienverkäufer, Zeitungsverteiler, Kustos im Waffenmuseum, Kofferträger, Türsteher. Ich habe als Lakai begonnen und will auch so enden.
Die Unterwerfung und die dienerische Unfreiheit fesseln mich durch den Reiz der Selbstbeschränkung und Selbstlosigkeit. Ich habe ein unselbstständiges Bewusstsein, ein dienerisches Bewusstsein, so dass ich keine Freiheit erleben will und kann. Irgendwelches Freiheitsbewusstsein ist für mich unerträglich. Ich meide jede Art der Freiheit, jeden freien Augenblick. Ich gerate in Panik, wenn ich nicht weiß, was ich tun soll. Ich kann nur das tun, was mir vorgeschrieben ist.
Ich will mich der Last des Eigenen, des freien Selbst entledigen. Ich lege mir die Leine freiwillig an. Tags und nachts will ich meinem Herrn wie ein Ding zur Verfügung stehen, denn der Herr scheitert an Alltäglichkeiten, die nur sein Diener erledigen kann und will. Der Diener ist Luft. Die Luft seines Herrn, die dieser zum Atmen braucht. Ich stehe vor meinem Herrn in meiner Livree in braver Diener-Haltung und nenne ihn »mein Herr«. Ich bin ein wahrer Vertreter der alten Werte eines traditionellen Dieners. Ich verkörpere den Inbegriff des höflichsten (Hof )-Dieners edler Dienerhaftigkeit in diesem Jahrhundert. Solcher Diener genießt einen einzigen Erfolg, wenn der Tag seines Herrn reibungslos abläuft und der Diener den Wunsch des Herrn erfüllt, längst bevor er ihn ausspricht. Wenn mein Herr mich beim Dienen mit Worten wie »lobenswert« oder »bewundernswert« auszeichnet, delektiert sich kultiviert der Diener. Es gilt für den distinguierten Diener nur eines: Jede Tätigkeit, muss ich als eine feierliche, perfekt ausgeführte Handlung bezeichnen und so auch fehlerfrei abschließen. Nur ein guter Herr weiß, wie er den Diener behandeln soll: Wenn Ihnen an der Achtung Ihres Dieners liegt, müssen Sie ihn Ihre Überlegenheit fühlen lassen, und Sie dürfen ihn nie aus Ihrem Willensbereich entlassen!"
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BILD AUF DEM UMSCHLAG vom Maler Lubomir Typlt www.typlt.com
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"Nennen Sie mich Diener" gelesen von Udo Wiegand, Berlin 2010:
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Es freut mich ungemein, daß Milena Odas Roman erscheint, wird mit ihm doch, nach Jahrzehnten des Verstummens der deutsch sprachigen Literatur in Prag, eine Tradition erweckt, die deutsche, tschechische, jüdische Kultur verband. Milena Oda, die deutsch schreibt, aber mit Akzent spricht, bringt diesen Akzent in die Literatur zurück. Es ist ein kühner, fremder, belebender Puls, der in ihren Sätzen schlägt. Hier spürt man wieder, dass Schreiben Entdecken heißt und neue Zugänge, neue Abgründe des Wirklichen öffnet. Das Stärkste, was sie uns gibt, sind die menschlichen Schwächen, Defekte, die eigentlich Obsessionen, eigentlich Leidenschaft sind. Sie zeigt den besonderen Menschen, abgesondert in sich, seine abnorme Not, seine komische Lust. Er schämt sich nicht seiner Blöße. Aber so abwegig seine Schmach, sie ist nur die aufgebundene Wunde, die wir gewöhnlich nicht lecken. Wir: die normalen Naturen, die ohne Laster leben und ohne Träume zugrundegehn.
Volker Braun über den Roman




