download as pdf Ein literarischer Essay.
Die Leidenschaft und die Krankheit der Sprache
Jede Sprache hat einen emotionalen Code. Wer den Code der Fremdsprache entschlüsselt, kann die Mentalität der Menschen und deren Kultur begreifen.
Denn in der Sprache liegen die Affektionen und Leidenschaften des Menschen. Man wächst in einer Sprache wie in einer Familie auf, lernt dabei die Sprachmelodie, die Sprachregeln und das gesamte Sprachsystem kennen und man wird unbewusst dadurch geformt. Die Sprache erzieht uns und verleiht unserem Ich-System ihre innere Ausstrahlung, Emotionalität und Leidenschaft. In jeder Sprache besteht ein anderes Verhältnis zur Leidenschaft und ruft eine andere Gemütsbewegung durch den Sprachklang, die Sprachstruktur und Schnelligkeit ihrer Verwendung hervor. Es gibt Sprachen, die lebhaft oder sanghaft sind, während andere weniger beseelt und kälter klingen. Und wir wählen dann auch diejenigen Fremdsprachen, die unserem Empfinden entsprechen. Die Sprachmelodie, der Klang der Wörter an sich reichen jedoch nicht für befriedigende Gespräche aus. Die Leidenschaft der Sprache erkaltet dann durch die Sinnlosigkeit und Bedeutungslosigkeit der gewählten Wörter.
Das Niveau der Sprache ist das Niveau des Intellekts
Es
ist die Sprache, die uns hilft, Probleme jeder Art zu verbalisieren.
Probleme zu begreifen bedeutet, jedem Problem einen Begriff zuzuordnen,
um es lösen zu können. Denn das Unvermögen, sich auszudrücken, führt
zum Problem und das ungelöste Problem macht sprachlos, kraftlos und
schließlich auch krank.
Man bemüht sich um die Entwicklung der
eigenen Sprache, indem man den Intellekt anstrengt. Wir wollen unseren
lebendigen, kräftigen Kern beibehalten und freuen uns über die eigenen
Gedanken. Um an die eigene Sprache Ansprüche zu stellen, muss man sich
selbst beim Sprechen und Denken beobachten. Man blickt bei jedem Wort
in sich hinein und will jedes Wort in seiner Bedeutung und dem Sinn
nach verstehen. Das gesprochene Wort regt unsere Aufmerksamkeit an und
beansprucht unseren Intellekt. Wir freuen uns über unseren
Kraftaufwand! Welches Spiel der Kräfte! Wir wollen uns ausreichend
gerüstet fühlen, um gegen das in unserer Gesellschaft verbreitete Übel
anzukämpfen, nur über einen kleinen Umfang an Wörtern zu verfügen. Es
ist kein öffentlicher Kampf, es ist ein Kampf mit sich selbst gegen
sich selbst. Nur wir errichten uns Hindernisse und überwinden sie
freiwillig. Wer denn, außer wir selbst, ist unser Richter!?
Die
intellektuelle Unzufriedenheit, die wir dabei erleben, zwingt uns, die
eigene Sprache zu verbessern. Die fehlenden Worte können auch durch
Gesten ersetzt werden. Aber fühlen wir uns nicht gedemütigt, wenn wir
die Gestik dort verwenden, wo uns die Worte in unserer Muttersprache
fehlen? Wir gestehen unmittelbar ein, dass wir nicht nur große Lücken
in unserem Wortschatz haben, sondern auch in unserem Denken und in
unserer Lebenserfahrung. Ja, die Sprache demütigt uns und treibt uns in
die Enge. Sie erzieht uns. Das gesprochene Wort über die Geste zu
stellen ist anstrengend, aber es formt unser Denken. Die Sprache ist
nicht nur ein Instrument zur Verständigung, sondern auch eines zur
Füllung der eigenen Leere.
Es ist bekannt, dass jede Sprache
eine formale, ja emotionslose Struktur hat, die im Alltag gedankenlos,
gewohnheitsmäßig verwendet wird. Diese Struktur erspart dem Sprechenden
das Nachdenken, das kritische Betrachten der angedeuteten Problematik
und das Einfühlen. Die Verwendung von Phrasen, den Ersatzteilen des
eigenen Denkens, führt zur Aushöhlung des Kerns unseres Ichs. Der Kern
ist unsere Energie und die emotionale Kraft. Das Wort verliert Leben
und Glut. Es fehlt an jedem Fortschritt.
Man neigt dazu, sich in
der Gesellschaft einfach, emotionslos und klischeehaft auszudrücken.
Das reine Imitieren der Wörter, die Beredsamkeit ist nur ein Zeichen
der Intellektsgrenze. Der Inhalt der Wörter ist leer. Man imitiert
lieber die schon gegebenen Wörter, als sie aufs Neue zu produzieren.
Man zieht vor, Ansichten zu schematisieren und Gedanken zu fingieren,
sei es aus Bequemlichkeit, um die eigene innere Leere zu füllen. Die
Sprache wird durch die Verwendung von Phrasen langweilig und deutet
direkt auf die „Selbstlosigkeit“ des Sprechenden.
Man fragt
sich dann: Wie sieht es etwa im Inneren des Menschen aus, wenn er in
seiner Sprachschöpfung und in der Tiefe seiner Gedankenfindung
langweilig ist? Man spürt, dass das Denken der sprechenden Person
wirklich nichts wiegt und es eigentlich krank ist.
Beim Sprechen
werden sich die Tiefe des Denkvermögens und die kritische
Selbstbeobachtung von selbst zu erkennen geben. Der denkende Mensch
schützt sich gegen die Bedrohung der Begeisterung, gegen die
Unterdrückung der Energie und des Intellekts, die in der Sprache
verborgen sind. Wir möchten eifrig beim Sprechen, am Aufbau der Wörter,
der Fragen und Antworten arbeiten und so die Originalität der Sprache
buchstabieren. Die Gedanken, die Genauigkeit der Bezüge machen aus der
Sprache die Sprache. Wir gehen evident davon aus: Wenn ein Mensch krank
ist, dann ist es auch seine Sprache. Wir wollen aber gesund sein und
werden.
Stellen wir uns (immer wieder) die Frage und beantworten
wir sie aufrichtig, um uns selbst im Licht oder im Schatten zu sehen:
Was drücke ich durch meine Sprache aus?
