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Milena Oda

 

 

Dieser Essay erschien in der Online-Ausgabe des Magazins "DIE ZEIT"

http://www.zeit.de/online/2008/46/milan-kundera

 

Milan Kunderas Abgrund

 

Die Devise heißt: Milan Kundera sollte sich endlich äußern.

Er hat zwei Leben geführt. Eins in der Tschechoslowakei und das andere in Frankreich. Zwischen diesen zwei unterschiedlichen Lebensweisen erstreckt sich ein Abgrund. Ein ethischer und ein ästhetischer. Milan Kundera verließ sein Land, wenn sein Weg und der Weg des Landes zum Abgrund führten. Er begriff es, dass er sich am Abgrund befindet, aber er ist mit herein gefallen. Doch es ist ihm gelungen wieder nach oben, auf den Erdboden zu gelangen und einen neuen Weg zu begehen. Meisterhaft. Er blickte nicht mehr in den Abgrund hinein, nicht mehr nach hinten, er wollte mit seiner Heimat und den Landsleuten nichts mehr zu tun haben. Der persönliche Abgrund wird sich aber oft zum Trauma verwandeln? Jeder hat wahrscheinlich sein persönliches Trauma. Dass Herr Kundera sich von den Tschechen distanziert, seinen Ursprung absichtlich weg weist, steckt dahinter vielleicht ein traumatisches Erlebnis? Von ganz außen bis nach tief innen war sein Weg.

Als Tschechin weiß ich, dass Milan Kundera in Tschechien, bei den vielen Intellektuellen immer zwiespältig betrachtet wurde, besonders bei der älteren (seiner) Generation. Was alles konnte zu dieser Zwiespalt beitragen? Milan Kunderas politische, aber auch die persönliche Erfahrung.

Er war Zeitzeuge. Seine Kollegen und Tschechen verlangen von ihm immer aufdringlicher, dass er sich zu der Zeit äußert, er meint jedoch, man könne die Zeit der 50er Jahre der heutigen Gesellschaft nicht erklären. 

Er war Mitläufer. Jetzt wurde es, zwar etwas wage, bewiesen. Wie bekannt, er war ein zweifacher Kommunist: 1948-1950 und 1956-1970. Die Zeit: Vor Stalin und nach Stalin. Warum will man zweimal das Böse erleben? „Nach Stalins Tod sahen wir darin die zweite Chance, es besser zu machen“, erklärt Pavel Kohout. Entschuldigt man den Idealismus? Schadete jemandem der politische Idealismus Kunderas? Verriet er mal jemanden? In der tschechischen Geschichte gilt die erste Phase als die der schauderhaften Prozesse. Nahm Kundera die Zeit der Henker in ihrer Grausamkeit wahr? Welche versteckte Mechanismen, Werte, Pflichten und Tendenzen übten auf ihn persönlich Druck aus? Keinen auf der Welt haben bis jetzt diese Fragen so bekümmert oder bedrängt wie die Tschechen.

Ein Mitläufer zu sein, was hieß es aber in der Zeit? Zu dem Fall: Er war Vorgesetzter des Studentenheimes und seine Pflicht war, die Fremden des Heimes anzumelden. Inwieweit soll man die Tat interpretieren? Die jungen leidenschaftlichen, eifrigen Anti- und Kommunisten waren unprofessionelle und zu gewissenhafte, geblendete „Täter“ jeweiliger Idee gegenüber. Jeder lebt seine Leidenschaft für die Gerechtigkeit und Ordnung schließlich anders aus. Die Polizei war auf jede Nachricht so empfindlich, dass auch eine kleine Meldung oft zu tiefe und zu schreckliche Konsequenzen auch hatte. Aus dieser Meldung entwickelte sich eine politische Tat, weil Herr Dvoøáèek schon der Polizei als amerikanischer Agent bekannt war. Nun die Aufgabe des Historikers ist, die Vergangenheit in allen ihren Fassetten zu begreifen und aufzuklären. Geht es? Erfüllt diese Pflicht das Institut für das Studium der autoritären Regime in Prag? Ich würde die Bezichtigung von Herrn Hradílek und dem Magazin „Respekt“ als etwa unprofessionell bezeichnen. Damit will ich nicht die Arbeit der anderen tschechischen Historiker bezweifeln, keinesfalls, aber in diesem Fall, denke ich, war ihr Urteil zu übereifrig an die zu breite Öffentlichkeit gebracht. Zu schnell war die „Freude“ vor der Enthüllung; es bewegte sich fast schon an der Grenze des Boulevard-Berichts. Erst jetzt geht die Forschung tiefer und professioneller weiter. Die Causa hat eine Diskussion ausgelöst, die fortgesetzt werden soll.

 

Und drittens war Herr Kundera damals schon ein anerkannter Schriftsteller.  Ab 1975 galt er für Tschechen als Schriftsteller im Pariser Exil. Der Kontakt existierte weiter, jedoch, wie Pavel Kohout erläutert, seine Pariser Texte wurden von tschechischen Dissidenten-Freunden harsch kritisiert (beneidet), was ihn angeblich sehr verletzte. Als Autor versteht man diese Art der Empfindlichkeit. Die bissige Kritik oder vielleicht doch auch der Neid von den Nächsten beschämt. Ihm ging es im Exil besser, als denen, die blieben. Warum blieben sie? Die Frage des Charakters und der Verantwortung; die muss(te) jeder selber beantworten. In der neuen Heimat zog sich Milan Kundera zurück und kommuniziert seitdem kaum mit der (tschechischen) Öffentlichkeit. (Positiv ist, dank dieser Causa haben wir Herrn Kundera endlich mal auch live gehört!)  Schwierig für Schriftsteller wie Milan Kundera, der sich oft des Themas seiner Heimat (Prager Frühling und des Kommunismus/Regimes) bedient, aber in einer anderen - wohlhabenden Gesellschaft lebt und von beiden Seiten profitiert. Das ist der Verrat, denken die Tschechen. Doppeltes Verbrechen Milan Kunderas? Ethisches und ästhetisches. Oh weh! Ein Traumatraum. Mit seinem Trauma traumatisiert er aber die anderen, weil er nicht darüber spricht, er ließ bis jetzt alle nur von etwas ahnen, spekulieren.

 

Warum Kundera so viele Jahre auf Distanz zu uns, zu Tschechen lebt, fragen sich viele. Die offene, psychologische Frage ist, schafft es ein scheuer Mensch, ein empfindlicher und empfindsamer Schriftsteller sich zu einem so großen Problem und persönlichen Trauma auf der Weltbühne zu äußern? Die Welt wurde nun in einen Prozess einbezogen, der jahrelang als ein rein tschechisches Streitproblem Milan Kundera gegenüber empfunden wurde. Neulich haben ein paar berühmte Schriftsteller, älterer Generation (manche erlebten auch Regimes), eine Petition – einen Protestbrief, in einem ziemlich unpassenden Ton, der sehr vorwurfsvoll, hysterisch und nach dem Diktat klang, geschrieben. Sie verhalten sich solidarisch mit Milan Kundera. Warum so eine Hysterie? Seine Werke bleiben in der Reihe der Unsterblichen, gewiss. Hier möchte man ein offenes Gespräch auf einer anderen Basis führen. Es war im Grunde ein lächerlicher Protest. Sie wollten das weitere Forschen oder Bezichtigen verhindern. Ob es den Sinn hat oder nicht, müssen die Historiker beweisen. Die Schriftsteller mischen sich in etwas ein, worauf die Tschechen letztendlich das Recht haben, wir leben doch (immer noch) in einem demokratischen Europa.

 Es ist die Frage des Charakters, der Stärke und des Gewissens, der Fähigkeit, die Tiefe des eigenen Abgrunds in Worte zu fassen. Bis jetzt verlangten es (litten unter diesem Bedürfnis) nur die Tschechen, jetzt ist vielleicht auch die übrige literarische Welt wissbegierig geworden (Seine Kollegen machen es ihm schwerer, wie kann er sich jetzt äußern, wenn von ihm alle die absolute Unschuld erwarten?) Ich nenne wieder Pavel Kohout (es gibt auch andere tschechische Schriftsteller wie z.B. Milan Uhde) – er nimmt zu seiner Vergangenheit eine offene, kritische Stellung und spricht darüber auch auf dem internationalen Niveau. Natürlich ist er nicht so weltweit bekannt, wie Milan Kundera. Es spielt keine Rolle, Kundera sollte in ihm das Vorbild sehen. Herr Kundera will vielleicht aber keine Vorbilder haben. Er sagt, anstatt mit dem „Respekt“ vor Gericht zu gehen, schreibt er lieber einen neuen Roman. So viel Zeit zu vergeuden habe er nicht. Das Dasein ist für ihn doch leichter und erträglicher, wenn er schreibt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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