In Iowa City als deutsche Schriftstellerin.
Iowa und Iowa City! Wer hat schon mal von diesem Land und von dieser Stadt gehört? Ich kenne die USA ziemlich gut, aber unter dem Land IOWA konnte ich mir lange nichts nichts vorstellen. Wo liegt es? Wie kam es, dass ich Iowa City jetzt kenne? Es liegt in Midwest, wie man in den USA sagt, etwa 350 km von Chicago entfernt. Und kennenlernen wollte ich diese Stadt, weil ich nach Iowa City als Teilnehmer eines prestigereichen Programms, des International Writing Program, kurz IWP, eingeladen wurde. Man hört oft, dass Iowa keine bezaubernde Naturschönheit ist, aber viele wissen nicht, welche geistige Schönheit sich hier versteckt! Welche Überraschung habe ich erlebt, als ich die Stadt erreicht habe und 35 Autoren aus aller Welt auf einmal und an einem Ort – in Iowa City – kennen lernen konnte!! Jeder hatte eine andere Ausstrahlung und jeder hatte in seinem Herkunftsland einen anderen Stellenwert als Autor, Schriftsteller, Dichter… Doch fast alle galten in ihrem Land als wichtige Träger ihrer Kultur. Ich wurde zum Träger der deutschen Kultur. Ich vertrete hier Deutschland, als deutsche Schriftstellerin werde ich von der deutschen Max Kade Foundation unterstützt. Ich verleugne aber keinesfalls meinen tschechischen Hintergrund, meine Seele bleibt immer geteilt in zwei, in einen tschechischen und in einen deutschen Teil.
Das IWP genießt in den USA großen Ruhm, wie ich von vielen Amerikanern erfahren habe, in Deutschland ist es noch unbekannt, auch wenn von dort bereits einige zeitgenössische junge deutsche Autoren wie Sasa Stanisic oder Kristof Magnusson eingeladen wurden.
Das renommierte International Writers Program wurde 1967 von Paul Engel und seiner chinesischen Frau gegründet. Er musste sehr viele Sponsoren auftreiben, um dieses kostspielige und zugleich sehr motivierende Projekt ins Leben zu rufen und über so viele Jahre am Leiben zu halten. 1970 wurde er wegen dieses Program für den Friedensnobelpreis nominiert. Mittlerweile werden seit 30 Jahren jedes Jahr etwa 35 Autoren aus aller Welt aus den Bereichen Fiction, Non-Fiction, Lyrik und Theater für etwa 3 Monate eingeladen. Wir wohnen in Hotels, haben ein eigenes Zimmer mit Bad, wo zwei Tische, Stühle, ein Bett, ein Kühlschrank und eine Mikrowelle zur Verfügung stehen. Keine Küche, wir müssen entweder in der Mikrowelle kochen oder draußen essen. Zeit zum Schreiben ist hier genug, die Stadt lenkt mich nicht ab. Ich bin hier in der Tat glücklich. Sicherlich, es gehört schon jetzt zu einem wichtigen Teil meiner Lebenserfahrung.
Was tue ich hier und was wird von mir erwartet? Im Rahmen des Programms nehmen wir an verschiedenen Veranstaltungen teil. Wir selber werden wiederum auch ein Teil der Veranstaltungen von unterschiedlichen Institutionen. Während des Aufenthalts hatte ich mehrere Lesungen im Rahmen des Programms sowie auch außerhalb der Universität und der Stadt. Zum Beispiel zwei Lesungen am Institut für Germanistik und Komparatistik der Universität von Iowa, und hielt Vorträge über meinen Weg als Schriftstellerin, die zwischen zwei Kulturen lebt. Was für viele sehr an und aufregend zu sein schien. So wird für die amerikanische Zuhörer Europa vielfältiger und ist nicht mehr nur ein klumpiger Kontinent auf der Weltkarte. Außerdem wurde ich zur Lesung in das „German –American Heritage Center“ nach Davenport und nach Grinnell eingeladen. Das private College Grinnell und vor allem der deutsche Lernstuhl genießen landesweit einen sehr guten Ruf. Auch im Rundfunk der USA war ich aktiv, für das Radio von Iowa las ich meinen Essay Dog´s Freedom über die Freiheit des Schriftstellers in der heutigen Welt, den ich auf Englisch für die Podiumsdiskussion in der Public Library geschrieben hatte. Es glückte mir sogar, eine Autoren-Stimme im Hörspiel über den Gründer Paul Engel. Weiterhin biete ich Studenten mit meinem Werk Gelegenheit, Kredite zu bekommen und zugleich mit mir als Autorin persönlich zusammenzuarbeiten. Drei Studenten vom Fach Media Art und Literatur schreiben die über mich die Arbeit, drehten ein Video, ein Germanistikstudent möchte meinen Roman auf Deutsch und eine Studentin meine Gedichte, die ich auf Englisch schrieb, analysieren. Und auch bereichere ich mich durch die Übersetzungsarbeit meines Theaterstücks „Mehr als Meer“ ins Englische.
Das IWP bereitete für uns großzügige Reisen durch die ganze USA vor, wie z.B. nach San Francisco, oder Santa Fe und Portland, Chicago, Washington und New York. Und immer hatte es mit Literatur zu tun. In San Francisco las ich im Adobe Bookstore einen Auszug der englischen Übersetzung meines Romans, auf Deutsch erschienen unter „Nennen Sie mich Diener“. In Chicago besuchten wir die Foundation Poetry, eine einflussreiche Institution für die Lyrik und teils Prosa. Ich persönlich nahm an der großen Demonstration von der frisch ins Leben gerufenen Bewegung „Occupy Chicago“ teil und besuchte das Goethe Institut, das sehr zentral liegt und sich ganz aufgeschlossen gegenüber der Öffentlichkeit gibt. In Washington wurde ich ins Theater eingeladen und in New York traf ich auch Autoren. Doch das Prägende für mich war vor allem das Zusammentreffen von unterschiedlichen Autoren aus aller Welt. Jedes Gespräch hatte immer eine unglaubliche Kraft in seiner kosmopolitischen Vielseitigkeit.
Nirgendwo habe ich solch eine Dichte an Autoren, Schreibgierigen und Lesern getroffen wie hier. Es pulsiert hier von der Literatur! Vom Schreiben! Hier schreibt und liest jeder. Neben unserem Programm wird hier auch seit mehr als dreißig Jahren ein zweijährige Studium, den Creative Writers Workshop für alle Genres angeboten. Jährlich werden 100 Studenten angenommen. Kein Wunder, dass Iowa City als eine der fünf Cities of Literature bei UNESCO verzeichnet ist. Es ist ein Geheimtipp für Autoren aus aller Welt, hier mal als Student oder als Teilnehmer des IWPs zu verweilen; es ist eine große Freude hier zu sein! Eine lebenslange Bereicherung. Wenn ich zurück in Europa bin, werde ich mich immer freuen, über das geheimnisvolle, unbekannte Iowa City zu hören. Diese Stadt wird für mich immer den Namen Literatur City tragen.
A literary essay.
The Passion and the Sickness of Language
Every language has its own emotional code. Whoever can decipher the code of a foreign language can then understand the mentality and the culture of the people who use it.
The affections and passions of humanity are contained in language. We grow up in a language like in a family, learning its melody and rules and indeed its entire linguistic system, and this unconsciously forms us. Language educates us and gives our ego system its inner radiance, emotion and passion. Each language has a different relationship to passion and stimulates different emotions through its sound and structure and the speed with which it is spoken. There are some languages that are lively and song-like, whereas others sound less animated and somewhat colder. We generally choose to learn those foreign languages that match our personal sensibility.
The melody of language and the sound of words are not enough to create a satisfactory language. The passion of language can grow cold through the meaninglessness and senselessness of the words chosen.
The Level of the Language is the Level of the Intellect
Language helps us to verbalise problems of all kinds. Understanding problems means describing them in order to solve them. The inability to express ourselves leads to a problem and this unsolved problem makes us speechless, powerless, and ultimately also makes us ill.
We attempt to develop our own language through intellectual effort. We aim to preserve our living, powerful essence and we delight in our own ideas.
To make demands on language we must examine the way we speak and think. With each word we look inside ourselves, seeking to understand the significance and meaning of every single word. The spoken word attracts our attention and makes a demand on our intellect. We are glad to make this effort! What a play of forces! We want to feel adequately armed to battle against the evils in our society, which commands only a limited range of words. This is not a public battle; it is a struggle with ourselves, against ourselves. We erect our own obstacles and voluntarily overcome them. Who – if not we ourselves – should be our judge?
The intellectual dissatisfaction we experience in the course of this process compels us to improve our language. Gestures can also replace the words we lack. But don't we feel ashamed when we have to use a gesture simply because we can't find the right word in our native language? We immediately admit that, not only are there enormous gaps in our vocabulary, but also in our thoughts and in our experience of life. Yes, language humiliates us and drives us into a corner. It educates us. To prefer the spoken word to the gesture is demanding, but it shapes our way of thinking. Language is not merely an instrument we use to make ourselves understood; it is also used to fill our own emptiness.
It is a known fact that every language has a formal, indeed unemotional structure that is habitually used daily without much reflection. This structure saves the person speaking from having to reflect, having to critically observe the indicated problem or from having to empathize. The use of phrases that are like spare parts of our individual thought tends to hollow out the core of our being. This core is the source of our energy and emotional strength. The word loses its life and fervour. Any form of progress is missing.
In society we tend to express ourselves simply, unemotionally and in clichés. Eloquence or the pure imitation of words is only a sign of the boundaries of the intellect. The words have no content. We prefer to imitate existing words rather than produce new ones. We prefer to present schematic views and to feign ideas, perhaps because this is easier to do, in order to fill our own inner emptiness. Readymade phrases make language tedious and are a direct indication of the "selflessness" of the person speaking.
We then ask ourselves: what must the inner life of someone be like, when their use of language and the thoughts they discover in the depths of their being are so boring? We notice that the speaker's way of thinking is of no consequence and is, in fact, sick.
We reveal the depths of our ability to think and our critical observation of ourselves when we speak. Thinking persons protect themselves against the threat of enthusiasm, against the suppression of energy and intellect that are concealed in language. We wish to work assiduously at speaking, at building up words, questions and answers and thus to spell out the originality of language. Evidently, we assume that when a person is ill then the language he uses is also sick. But we ourselves want to become and remain healthy. We ought repeatedly ask ourselves a question that should be answered honestly, in order to see ourselves, whether in light or shadow: What do I express through my language?
see: http://kontakt.erstebankgroup.net/report/stories/Milena+Oda/en




