Rezensionsnotizen zum Roman Jáchym Topols "Zirkuszone"
In der Menage der Geschichte. Von Paul Jandl
3. Juli 2007, Neue Zürcher Zeitung
Jáchym Topols höchst kluger Roman führt über die Dörfer und in die Gemütslagen des tschechischen Widerstands. Lebensprall sind die Erzählungen über das Zusammentreffen der Geschichtsbilder und Ideologien, der Träume und Realitäten. Böhmen wird zur «Zirkuszone», und dieser nur scheinbar heitere Schlag ins Groteske gipfelt im zentralen metaphorischen Bild des Romans. Um die tschechische Bevölkerung von der Harmlosigkeit des militärischen Unternehmens zu überzeugen, soll eine zirzensische Internationale im Land für Stimmung sorgen. Doch die Artisten werden in den Wirren des Kampfes aufgerieben. Bald schon findet man tote Giraffen in den Wäldern; desperate Kunstreiterinnen und DDR-Kamelkarawanen brechen plötzlich durchs Unterholz. Hungernde ukrainische Bärendompteure braten ihre Zirkustiere überm Feuer. Die ganze Landschaft ist am Ende durchsetzt mit den Relikten der Unterhaltung, während brutaler Krieg herrscht.
Ilja, der kindliche Erzähler des Romans, nimmt die Dinge mit naivem Staunen wahr. Er ist das ideale Instrument von Jáchym Topols grosser literarischer Fertigkeit: mit zügelloser Phantasie grösstmögliche Konzentration zu erreichen. Übersetzt wurde die in tschechischem Gassenslang brillierende «Zirkuszone» von Milena Oda und Andreas Tretner. Sie haben sich bei diesem nicht eben leichten Unterfangen für einen durchaus atmosphärischen Kompromiss entschieden.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.04.2007 (www.perlentaucher.de)
Einen "kühnen und furchtlosen Text" erblickt Rezensent Peter Demetz in Jáchym Topols Roman "Zirkuszone", in dem dieser der Frage nachgeht, wie es gewesen wäre, wenn sich die Tschechen nach der Niederschlagung des Prager Frühlings zur Wehr gesetzt hätten. Er liest das Werk, in dessen Mittelpunkt der heranwachsenden Waisenjunge Ilja steht, der von einer sowjetischen Panzertruppe adoptiert wird, als "Wiederinszenierung eines Traumas". Das Geschichtsdrama mutiert in seinen Augen dabei zum "absurden Theater". Beeindruckt zeigt er sich von der unbändige Fabulierlust des Autors, die Psychologie und konventionelle Plausibilität hinter sich lässt, um mit unglaublichen Begebenheiten und überstürzenden Ereignissen aus den Vollen zu schöpfen. Gelegentlich schießt der Autor für Dementz' Geschmack über das Ziel hinaus. Allerdings sieht er sich dann wieder versöhnt durch Topols virtuose Fähigkeit, literarische Zitate und Parodien einzubringen und zu verbinden. Mit hohem Lob bedenkt er auch Milena Oda und Andreas Tretner für ihre Übersetzungsleistung, eine "philologische Tat ersten Ranges".
Literarischer Wirbelsturm. Rezensiert von Jörg Plath für Deutschlandradio Kultur 14.06.2007
Jáchym Topol verwirbelt sozialistische Jugendbuchromantik, Sagen und Fantasyelemente mit Realhistorie. Vatermorde und Doppelgänger, Anspielungen auf "Moby Dick", den Soldaten "Schwejk", Oskar Matzerath aus der "Blechtrommel" - in dem Tollhaus "Zirkuszone", von Milena Oda und Andreas Tretner in ein flüssiges, wunderbar zwischen Sprachen und Kulturen hin- und hertaumelndes Jugendlichendeutsch übertragen, zieht Topol alle Register und behält, erstaunlich genug, meist die Übersicht. Am Ende ist sein ewig präpubertärer Held, der Mörder zweier sowjetischer Ersatzväter, von Gräbern umgeben und schreibt als vielleicht letzter Tschechoslowake "seine Wahrheit" auf. Jáchym Topol hat, das wäre hierzulande undenkbar, einen sperrigen, bitteren und vollkommen unheroischen nationalen Mythos verfasst. Sein Erzähler rief als Kind immer "iah! iah!", weshalb man ihn Ilja nannte. Es ist das tschechische Wort für Esel.
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