Rezensionen der Übersetzungen
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Zu Jáchym Topol. "Zirkuszone". Suhrkamp: Frankfurt am Main, 2007. 316 Seiten
Traum vom Heroismus
Rezensiert von Peter Demetz, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.04.2007
Im Spiel mit Ilja, der die Fronten so leichthin wechselt, zeigt sich der Autor Topol als unverbesserlicher Romantiker, der mit Ironie und voller Trauer gegen die tschechoslowakische Geschichte anrennt, wie sie leider wirklich war. Er kennt seine kapitulierenden Pappenheimer, und hört doch nicht auf, von einem geheiligten Volkskrieg im Namen der Patronin "Cechia" zu träumen, in der sich Maria und Libussa, mit entblößtem Busen, mischen. Er mobilisiert Partisanenkämpfe und entwirft patriotische Gestalten, sei es, dass er sie aus älteren Blut-und-Boden-Schnulzen übernimmt oder ins Heroische korrigiert, wie etwa die Gestalt Alexander Dubceks. Er ironisiert sie alle, und man kann genau fühlen, wie leid ihm das tut.
In den letzten hundert Seiten gerät Topols Fabulieren geradezu außer Rand und Band (er hat eine Abneigung gegen epische Proportionen), aber er versöhnt den Leser wieder durch die kombinierende Kunst seiner literarischen Zitate und Parodien. Die erste Zeile schon zitiert Melvilles "Moby Dick" später benutzt er Haseks "Guten Soldaten Schwejk" oder Valentin Katajew. Prager Leser zerbrechen sich schon eine Weile den Kopf darüber, warum Topol gerade Sirim zu seinem epischen Hauptort erwählt hat - als der Ort noch Zürau hieß, verbrachte Franz Kafka in den Jahren 1917/18 einige Monate dort bei seiner Schwester, spuckte Blut und schrieb seine Aphorismen.
Die beiden Übersetzer Milena Oda und Andreas Tretner hatten keine leichte Arbeit, denn Iljas Umgangssprache fehlt die grammatische Konsequenz, und schon wenn man sein intim-plebejisches "fotr" konsequent mit "Vater" übersetzt, wird der Ton gleich um eine halbe Note ins Literarische angehoben. Das ist kein Tadel, denn es ist eine philologische Tat ersten Ranges, es mit diesem kühnen und furchtlosen Text aufgenommen zu haben.
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Literarischer Wirbelsturm
Rezensiert von Jörg Plath
In seinem vierten Roman entführt Jachym Topol den Leser in die Welt eines tschechischen Jungen. Ilja schildert aus seiner Perspektive die blutige Machtenfaltung der Kommunisten nach dem Zweiten Weltkrieg. Was als realistische Erzählung beginnt, endete in einer Mischung aus Jugendbuchromantik, Sagen und Fantasy. Anderen Schriftstellern hätten die Begebenheiten in diesem Buch für drei oder vier Romane gereicht - wenn sie ihnen denn je eingefallen wären, was nicht nur bei der schrägen Kombination von Werwolfsage und nationalem Ursprungsmythos stark zu bezweifeln ist. Jachym Topol, enfant terrible der tschechischen Literaturszene, 1962 geboren, Unterzeichner der Charta 77 mit 16 Jahren, Gründer der Untergrundzeitschrift "Revolver Revue" und Insasse einer psychiatrischen Anstalt, um nicht Soldat zu werden - Topol führt in seinem vierten Roman "Zirkuszone" mit staunenswert leichter Hand einen Jungen durch einen Wirbelsturm von Ereignissen zwischen 1945 und 1968.
Sein Erzähler ist ein zwölfjähriger Junge namens Ilja, dessen Kindheit nicht zu Ende gehen will, so sehr die Jahre auch verfließen. Seine adligen Eltern widersetzten sich den Nazis, dann den Kommunisten und starben auf der Flucht. Ihre Kinder Ilja und Bobo retteten Bewohner des nahen Dorfes Širem. Die Brüder wachsen im Jungenheim katholischer Schwestern auf, dem ehemaligen Gutshof und Elternhaus. Bald werden die Nonnen deportiert, kommunistische Kämpfer erziehen die Kinder zu Soldaten. Ilja bilden die Kommandanten und Ersatzväter zum "Diversanten" aus, doch um den begabten Saboteur kümmern sich auch Herr Cimbura und Schwester Albrechta. Diese katholischen Širemer entwickeln sich zu nationalen Opponenten der zunehmend stalinistischen KP. Ilja mag die Entwicklungen jener Jahre nicht in ihrer Tragweite begreifen, doch Topol fängt sie in knappen, atemlosen Szenen voller Brutalität und derber Poesie ein: Sein Held hat Angst vor den Angriffen der Ministranten, zeigt sich aber von den Bildern der barbrüstigen Nationalallegorie Èechia sehr angetan.
Dieser erste, realistische Teil des Romans über die Nachkriegsjahre, in denen die KP ihre Herrschaft festigt, endet mit Luftangriffen auf das Dorf Širem. Sie leiten zum zweiten Teil des Romans über, in dem plötzlich das Jahr 1968 geschrieben wird. Auf die Tragödie in der Provinz folgt die der Nation: Fünf Armeen der sozialistischen Bruderstaaten rücken in die Tschechoslowakei ein, Dubèek organisiert den Widerstand, und Ilja überlebt, indem er beständig die Fronten wechselt. Mal hilft er einem sowjetischen Panzerkommandanten, seinem zweiten Ersatzvater, dann dem tschechoslowakischen Widerständlern, schließlich der Schar der "Geächteten" aus dem Heim, die sich mit den Ministranten verbündet haben. Der unbändige Überlebenswille Iljas erlaubt Topol, beinahe panoramatisch von den Kämpfen zu erzählen: Alle Seiten, die um die autonome Zone Širem kämpfen, kommen zu Wort. Und so unglaublich die Erlebnisse des gewitzten "Diversanten" auch sind - übertroffen werden sie noch von Szenen mit Überlebenden eines in die Kämpfe geratenen DDR-Zirkus: Berittene auf Kamelen reiten wie apokalyptische Reiter unbeschadet durchs Gefecht, Bärenführer verspeisen ihr Tier, ein Wolf bewacht ein riesiges Saurierei. Von da ist es nicht weit zum Werwolf.
Jáchym Topol verwirbelt sozialistische Jugendbuchromantik, Sagen und Fantasyelemente mit Realhistorie. Vatermorde und Doppelgänger, Anspielungen auf "Moby Dick", den Soldaten "Schwejk", Oskar Matzerath aus der "Blechtrommel" - in dem Tollhaus "Zirkuszone", von Milena Oda und Andreas Tretner in ein flüssiges, wunderbar zwischen Sprachen und Kulturen hin- und hertaumelndes Jugendlichendeutsch übertragen, zieht Topol alle Register und behält, erstaunlich genug, meist die Übersicht. Am Ende ist sein ewig präpubertärer Held, der Mörder zweier sowjetischer Ersatzväter, von Gräbern umgeben und schreibt als vielleicht letzter Tschechoslowake "seine Wahrheit" auf. Jáchym Topol hat, das wäre hierzulande undenkbar, einen sperrigen, bitteren und vollkommen unheroischen nationalen Mythos verfasst. Sein Erzähler rief als Kind immer "iah! iah!", weshalb man ihn Ilja nannte. Es ist das tschechische Wort für Esel.




